| Viktor setzte sich auf das Ledersofa, verband den Laptop mit dem Aufladegerät und versuchte, nicht an das Wochenende vor dem Schicksalstag zu denken. Erfolglos. Vier Jahre. 48 Monate, die ohne ein Lebenszeichen von Josy vergangen waren. Trotz mehrerer Großfahndungen und bundesweiter Aufrufe an die Bevölkerung durch die Medien. Selbst eine zweiteilige TV-Sondersendung hatte keine vernünftigen Hinweise ergeben. Trotzdem weigerte sich Isabell, ihre einzige Tochter für tot erklären zu lassen. Aus diesem Grund war sie auch gegen das Interview gewesen. "Es gibt nichts abzuschließen", hatte sie ihm kurz vor der Abfahrt gesagt. Sie standen in der Kiesauffahrt ihres Hauses, und Viktor hatte bereits das Gepäck in dem schwarzen Volvo-Kombi verstaut. Drei Koffer. Einen für seine Kleidung, die beiden anderen gefüllt mit allen Unterlagen, die er seit dem Verschwinden seiner Tochter gesammelt hatte: Zeitungsausschnitte, Protokolle und natürlich die Berichte von Kai Strathmann, dem Privatdetektiv, den er engagiert hatte. "Es gibt nichts, was du verarbeiten oder beenden musst, Viktor", hatte sie insistiert. "Gar nichts. Weil unsere Tochter nämlich noch lebt." Es war nur konsequent, dass sie ihn hier auf Parkum allein ließ und wahrscheinlich gerade in irgendeinem New Yorker Bürohochhaus an der Park Avenue in irgendeinem Meeting steckte. Das war ihre Art, sich abzulenken. Mit Arbeit. Er zuckte auf dem schwarzen Sofa zusammen, als ein glühendes Holzscheit im offenen Kamin lautstark in sich zusammenfiel. Auch Sindbad, der die ganze Zeit unter dem Schreibtisch geschlafen hatte, fuhr erschreckt hoch und gähnte jetzt vorwurfsvoll die Flammen an. Der Golden Retriever war Isabell vor zwei Jahren auf dem Parkplatz am Strandbad Wannsee zugelaufen. "Was fällt dir ein? Willst du etwa Josy durch einen Köter ersetzen?", hatte er damals seine Frau in der Eingangshalle ihrer Villa angeschrieen, als sie mit dem Tier nach Hause kam. Er war so laut gewesen, dass die Haushälterin im ersten Stock schnell ins Bügelzimmer verschwand. "Wie sollen wir das Vieh denn deiner Meinung nach nennen? Joseph?" Wir immer hatte Isabell sich auch in dieser Situation nicht provozieren lassen. Hatte ihrer hanseatischen Abstammung aus einer der ältesten Bankiersfamilien Norddeutschlands wieder alle Ehre gemacht. Lediglich ihre stahlblauen Augen verrieten ihm, was sie in diesem Augenblick gedacht hatte: "Wenn du damals besser aufgepasst hättest, wäre Josy jetzt hier bei uns und könnte mit diesem Hund spielen." Viktor hatte es begriffen, ohne dass sie einen Ton hätte sagen müssen. Und die Ironie des Schicksals wollte, dass sich das Tier vom ersten Tag an Viktor als Bezugsperson aussuchte. Er stand auf, um in der Küche neuen Tee zu zubereiten. In der Hoffnung auf ein zweites Mittagessen trottete Sindbad müde hinterher ihm her. "Vergiss es, Kumpel". Viktor wollte ihm gerade einen freundschaftlichen Klaps geben, als er merkte, wie das Tier die Ohren anlegte. "Was hast du?" Er beugte sich zu ihm runter und plötzlich hörte er es auch. Ein metallisches Schaben. Ein Klirren, das in ihm eine alte Erinnerung wachrief. Noch konnte er sie nicht einordnen. Was war das? Viktor schlich langsam zur Tür. Da. Wieder. Wie eine Münze, die auf Stein gekratzt wird. Noch mal. Viktor hielt den Atem an. Und dann fiel es ihm ein. Es war das Geräusch, das er als kleiner Junge oft gehört hatte, wenn sein Vater von einem Segelausflug zurückkam. Es war das metallische, klirrende Geräusch, das ein Schlüssel erzeugte, der gegen einen Tonkrug schlug. Und es entstand, wenn sein Vater den Haustürschlüssel vergessen hatte und den Ersatzschlüssel unter dem Blumentopf am Eingang hervorholte. Oder jemand anderes? Viktor verkrampfte sich innerlich. Jemand war vor der Tür und kannte das Schlüsselversteck seiner Eltern. Und dieser Jemand wollte offenbar hinein ins Haus. Zu ihm. Mit pochendem Herz schritt er die Diele entlang und spähte durch den Spion der schweren Eichenholztür. Nichts. Er wollte gerade die vergilbten Jalousien zurückziehen, um rechts neben der Haustür aus dem kleinen Fenster blicken zu können, als er es sich anders überlegte und noch mal durch das Guckloch an der Haustür hindurch sah. Entsetzt wich er zurück. Sein Puls raste. Hatte er das gerade wirklich gesehen? Viktor spürte einen leichten Anflug von Gänsehaut auf seinen Unterarmen. Er hörte sein eigenes Blut in seinen Gehörgängen rauschen. Und er war sich ganz sicher. Kein Zweifel. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte er ein menschliches Auge gesehen, das offenbar von draußen aus ins Innere des Strandhauses blicken wollte. Ein Auge, das er irgendwoher kannte, ohne genau sagen zu können, wem es gehörte. Reiß dich zusammen, Viktor! Er atmete tief durch und riss die Tür auf. "Was wollen ...?" Viktor brach mitten im Satz ab, den er lautstark der unbekannten Person auf seiner Schwelle hatte entgegenschleudern wollen, um ihr einen gehörigen Schrecken einzujagen. Aber da war niemand. Weder auf seiner Holzveranda noch auf dem Gehweg zur etwa sechs Meter entfernten Gartenpforte, noch auf der unbefestigten Sandstraße, die zum Fischerdorf führte. Viktor stieg die fünf Stufen zum Vorgarten hinunter, um unter den Vorbau der Veranda zu schauen. Hier hatte er sich als kleines Kind immer vor seinen größeren Geschwistern beim Spielen versteckt. Doch selbst im Dämmerlicht der langsam untergehenden Nachmittagssonne konnte er noch gut erkennen, dass außer einigen welken Blättern, die der Wind hierher geweht hatte, da nichts und niemand war, um ihn und seine Ruhe zu stören. Viktor fröstelte etwas und rieb sich die Hände, während er die Treppe wieder hinaufeilte. Der Wind hatte die hellbraune Eichentür fast von alleine zugeschlagen, und Viktor musste sich anstrengen, sie trotz des heftigen Windzuges zu öffnen. Er hatte es gerade geschafft, als er mitten in seiner Bewegung innehielt. Das Geräusch. Schon wieder. Es klang etwas weniger metallisch und heller, aber es war wieder da. Und dieses Mal kam es nicht von außerhalb. Es kam aus dem Wohnzimmer. Wer immer hier auf sich aufmerksam machen wollte, stand nicht mehr vor der Tür. Er war bereits im Haus. |